Neuland denken Film

 

Neuland denken

Eine Reise durch Regionen zwischen Aufbruch und Abbruch

Neuland
Ein Bürgermeister ruft nach Kolonisten.
Zwei Studenten bauen ihre berufliche Existenz mit Schnecken auf.
Ein Planer löscht seine Stadt aus.
Ein Heimkehrer züchtet Bisons im Tagebau.
Ein Arbeitsloser mobilisiert „Überflüssige".
Ein Rechtsanwalt experimentiert mit Geld.
Ein Sozialwissenschaftler spricht von ländlichen Ghettos, Jugendliche über ihre Zukunft in einer sterbenden Stadt.
Ein Pionier will im toten Kraftwerk eine lebendige Brauerei.
Eine Frau schließt das letzte Kino der Stadt.
Ein Bauer kämpft für ein energetisch autarkes Dorf.
Eine Kommune zieht in eine ehemalige Puppen-Fabrik.
Kulturschaffende wehren sich gegen Nazis.
Ein Politiker sieht in regenerativen Energien die Zukunftschance.
Neue Siedler besetzen ländlichen Raum.
Sie alle leben in...

Neuland
Der Film ist „eine hochspannende Entdeckungsreise, eine verblüffende Durchmessung des Raums, eine Achterbahnfahrt, auf die man sich mit den beiden Dokumentarfilmern begibt. Sie konstatieren nüchtern die Lage, ohne je larmoyant zu werden. Sie stellen Helden des Alltags vor, die erfinderisch gesellschaftliches wie räumliches Neuland erobern – Scheitern nicht ausgeschlossen“, beschreibt der Evangelische Pressedienst im Oktober 2007 den Film und die Absicht der Autoren.

Neuland
Der Film Neuland ist ein Reisebericht durch die ostdeutsche Transformationslandschaft. Die Verdichtung von Realitätsfragmenten unterschiedlicher Akteure, von Pionieren und ihren Projekten regt an, Neuland zu denken.

Werden wir verschiedene Gesellschaften in unterschiedlichen Räumen haben? Im September 2004 sorgte die Infragestellung der „Notwendigkeit gleichwertiger Lebensverhältnisse in allen Regionen Deutschlands" durch den Bundespräsidenten Horst Köhler für einen kurzen Aufruhr in den Medien des Landes. Nachhaltig aber sind die Probleme, mit denen sich heute zahlreiche Regionen konfrontiert sehen. De- oder Hyperindustrialisierung sind verantwortlich für eine hohe flächendeckende Arbeitslosigkeit. Die Kommunen sind aussichtslos verschuldet. Zunehmend können Infrastrukturleistungen nicht mehr aufrechterhalten werden. Den disparaten Regionen laufen die Menschen davon. Wenn aber „Gleichwertigkeit“ nicht mehr garantiert wird, könnte dann aus dem „Schattenreich der Globalisierung“ nicht auch ein „Neuland“ für Experimente, Lebens- und Arbeitsweisen jenseits bzw. parallel der aktuellen Vergesellschaftung entstehen? (Daniel Kunle & Holger Lauinger, D 2007, 74 min, DV / Beta, 16:9 pal, Farbe, Stereo)

Die Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur und 18 soziokulturelle Zentren und Vereine in Niedersachsen zeigen Neuland und laden ein zur Diskussion. Holger Lauinger, Filmemacher ist zur Diskussion anwesend.

Mehr über den Film unter www.neuland-denken.de

Mehr über die Filmemacher finden Sie hier zum Download in einem PDF-Dokument (.pdf; 47KB)

Auszüge aus dem Interview mit Holger Lauinger, Filmemacher und Regisseur *

Wie ist die Idee entstanden, einen Film zum Thema „Neuland“ zu drehen - wo sind euch die Arbeits- und Lebensweisen begegnet, die Neuland denken? In welchen Zusammenhang steht „Neuland“ zu vorherigen Projekten?

Die Idee zu „Neuland“ war weniger der Einschlag eines Geistesblitzes als vielmehr ein langjähriger Prozess persönlichen Verarbeitens von Erlebten. Neuland ist ein persönlicher Suchprozess der Autoren auf die Frage gesellschaftlicher Entwicklung unter Schrumpfungsbedingungen. Es ist eine Reise in ostdeutsche Regionen, in denen ökonomische und demographische Entwicklungen für ihre Bewohner neue, für sie bisher unbekannte Spielregeln aufstellen und Anforderungen stellen... Wir zeigen in 18 Fragmenten die Alltags- und Lebensrealität von Personen, die in einer dramatischen Schrumpfungssituation leben und persönliche Antworten darauf finden müssen. Neuland zeigt durch die Menschen und ihre ungeschönten Aussagen im Film mit besonderer sinnlicher Wucht die Misere, aber eben auch die vielen kleinen persönlichen oder kollektiven Aufbrüche in eine neue Zeit. Die filmische Verdichtung dieser so genannten „Realitätsfragmente“ unterschiedlicher Akteure, von Pionieren und ihren Projekten regt an, Neuland zu denken und zu diskutieren.

Wie schätzt ihr selbst die Wirkung eures Films ein? Zu was für einer Gesellschaft hin kann er Impulse geben?

Ich denke, dass auch mit der aktuellen Finanzkrise der „ökologisch-soziale Umbau der Gesellschaft“ gerade heftig an unsere Haustüre klopft. Abgesehen von den massiven globalen Problemen in Sachen „Soziale & Ökologische Frage“, die uns der aktuelle Casino-Kapitalismus vor die Füße wirft, stehen auch die europäischen Wachstumsgesellschaften an einem Scheideweg. Wir erleben gerade die räumliche Fragmentierung von wachsenden und schrumpfenden Regionen und die öffentliche Infragestellung der „gleichwertigen Lebensverhältnisse“ in allen Regionen Deutschlands. Wir erleben zudem auch die rapide zunehmende soziale Differenzierung der Gesellschaft... Zum Teil überlagern sich diese beiden Prozesse auch, weswegen wir auch zu Beginn unserer Reise die Frage stellen: „Werden wir unterschiedliche Gesellschaften in verschiedenen Räumen haben?“ Denn welche Konsequenzen ergeben sich, wenn der Staat sich schleichend aus der Verantwortung in schrumpfenden Regionen zurückzieht? Wenn Infrastukturmaßnahmen wie Bahnhöfe, Schulen, Krankenhäuser, öffentlicher Nahverkehr usw. drastisch reduziert werden? Wenn wir diesen Prozess politisch nicht aufhalten können oder wollen, wie wollen wir ihn dann gestalten? Wir benötigen dringend die politische Diskussion zur Frage wie die Zivilgesellschaft dort faktisch und nicht nur in Sonntagsreden gestärkt werden kann. Und ich denke, dass wir da nur Lösungen unter dem Stichwort „sozial-ökologischer Umbau“ finden werden: dezentrale Weichenstellung, regionale Kreisläufe, energieautarke Regionen, Genossenschaftsmodelle, neue Lebens- und Arbeitsmodelle, neue Sozialgesetzgebung, bedingungsloses Grundeinkommen etc. Wenn wir nicht als Gesellschaft bereit sind einen politischen Rahmen für schrumpfende Regionen zu etablieren, der das zivile Leben deutlich stärkt, dann kehrt die Barbarei ein. No-go-areas, national-befreite Zonen und NPD-Wahlergebnisse bis zu 45 Prozent kündigen den zivilgesellschaftlichen Verfall einer Region wie Vorpommern bereits deutlich an... Mit „Neuland“ haben wir mit realen Akteuren versucht ein Gegenbild zu zeichnen für eine Gesellschaft, die in der ökonomischen Misere nach neuer Lebensqualität sucht. Nicht jedes Bild, das wir gefunden haben ist für jeden die persönlich richtige Antwort. So ist es auch nicht angedacht. Wir kommen ja, um zu diskutieren! Aber es gibt fast ausschließlich positive Reaktionen auf die Intention des Films und die Qualität der gemeinschaftlichen Gespräche, die er bewirkt. Sogar die Wochenzeitung DIE ZEIT honorierte „die Ehrlichkeit“ des Films...

Ihr habt euch intensiv mit den „Querdenkern“ auseinandergesetzt. Was hat dich während der Dreharbeiten besonders überrascht? Was war eine intensive Erfahrung?

Überrascht hat mich, dass alle Protagonisten spontan bereit waren mitzumachen und ich bin mir sicher, dass nicht alle wirklich wussten, was sie da als Ergebnis im Film zu erwarten haben. Deswegen freut mich auch besonders der positive Rücklauf von den Teilnehmern. Viele von ihnen haben wir auch mit dem Film vor Ort besucht. Die intensivste Erfahrung im Dreh, aber noch mehr im Schnitt war das Gespräch mit Frau Fahnert im Kino Wolfen vor ihrer Aufgabe und dem Wegzug der Familie in Richtung Zukunft Westdeutschland. Frau Fahnert hat dieses Kino in dieser sterbenden Stadt mit einer Empathie und für die drängenden Themen der Stadt schon fast sozialtherapeutischer Weise geführt. Und wenn man dann sieht was die große Politik, aber auch die kleine vor Ort macht, um solche Akteure in ihrem Tun zu stützen, dann schwankt man zwischen Wut und Verzweiflung. Wenn wir die Kultur und ihre Akteure nicht stärken, dann müssen wir mit der Konsequenz, dass Orte und Regionen mental veröden leben... Das will meistens keiner, aber die Kultur gehört zum ersten Einsparbereich vieler kommunaler Haushalte, weil es nur zu den „freiwilligen Aufgaben“ gehört.

*Lesen Sie das ganze Interview mit Holger Lausinger hier im pdf-Dokument (.pdf; 227 KB).

Gefördert von Stiftung Niedersachen und Land Niedersachsen

Logos Stiftung und Land Niedersachsen